WAZ, 06. Januar 2006

Sprechfehler erschweren den Schulstart
Untersuchung: 65 Prozent der Migrantenkinder haben schlechte Chancen
Von Kai Süselbeck
Lehrer beklagen seit Jahren: Immer mehr Erstklässler können nicht
richtig Deutsch. Die Eingangsuntersuchungen für das laufende Schuljahr
zeigen das Ausmaß des Problems:
Nahezu zwei von drei in Deutschland geborenen türkischen und außereuropäischen
Kindern werden "deutlich eingeschränkte Startchancen in der Schule“
attestiert.
5228 Kinder hat das Gesundheitsamt vor dem Schulstart 2005/6 untersucht. Einige
Daten zeigen, dass Aufklärungskampagnen der Stadt in Migrantenfamilien
die ersten Wirkungen zeigen. So stieg die Zahl der Migrantenkinder, die an
der letzten kostenlos angebotenen Vorsorgeuntersuchung (U 9) teilgenommen
hatten, von 1998 bis jetzt von 36 auf 58 Prozent. "Unsere Maßnahmen
greifen“, konstatiert Dr. Petra Freynik, Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen
Dienstes. Doch wieviel noch zu tun bleibt, belegen andere "ganz bittere
Zahlen".
" 65 Prozent der in Deutschland geborenen türkischen und außereuropäischen
Kinder haben deutlich eingeschränkte Startchancen in der Schule“,
bilanziert Freynik. Nur eines von fünf Kindern aus der ersten Zuwanderungsgeneration
beherrscht mehr als nur rudimentär Deutsch. Die Stadt hält hier
dagegen mit Sprachförderprogrammen in intensiver Zusammenarbeit mit den
Kindertagesstätten im Norden, die die Sprachentwicklung der Kinder überwachen.
Übergewicht bei Kindern ist derzeit ein stark beachtetes Thema. Elf Prozent
der Erstklässler in Essen sind nach den Richtlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft
übergewichtig. Bei in Deutschland geborenen türkischen Kindern sind
es sogar 18 Prozent. "Viele türkische Mütter gehen mit ihren
Kindern halt seltener vor die Tür“, sagt die Kinderärztin
Freynik.
Deutlich höhere Defizite haben Kinder aus türkischen und außereuropäischen
Herkunftsfamilien bei der Koordination von Auge und Hand (Visuomotorik). Diese
Fertigkeit wird geschult etwa beim Malen oder Puzzeln. Haben Kinder hier Defizite,
bekommen sie in der Schule Schwierigkeiten beim Schreiben. 30 Prozent der
türkischen und außereuropäischen Kinder weisen Rückstände
auf. Das hat nichts mit der Nationalität zu tun, sagt Petra Freynik,
sondern mit der fehlenden Förderung in der Familie. Dass die ausbleibt,
sei im Essener Norden leider "Realität in hohen Stückzahlen“.


